Die Verwelkte Weite

6. Januar 2025

In der Trostlosigkeit der Verwelkten Weite beginnt eine Entdeckungsreise, die lange verschüttete Wahrheiten ans Licht bringen soll. Eine Kurzgeschichte aus der Welt von Ijaria.

Die Verwelkte Weite

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Ein Hase jagte mit weiten Sprüngen durch das flache Gras. Immer wieder stieß er sich mit den Hinterbeinen nach vorne ab und warf die Vorderbeine nach hinten. Bei jedem Sprung flogen seine Ohren auf und ab, den Blick nach vorne gerichtet, auf der Suche nach Deckung. Nicht weit hinter ihm kam sein Verfolger: ein Hund, groß und schlank, um nicht zu sagen abgemagert, mit grauem Fell, das Maul aufgerissen, die scharfen Zähne zeigend, die Zunge heraushängend. Für einen Moment sah es so aus, als würde der Hund den Hasen einholen, aber dann schlug der Hase einen Haken, sprang vor und jagte weiter, jetzt auf eine Straße zu, die das Gras durchtrennte. Auf der anderen Seite war das Gras höher und dichter. Der Hund versuchte, der abrupten Richtungsänderung des Hasen zu folgen, schaffte es aber nicht, rutschte zur Seite und stolperte. Fast wäre er hingefallen, aber er fing sich. Den Blick auf den Hasen gerichtet, sprintete er los und nun wurde er wieder schneller, konnte aufholen. Der Hase aber erreichte die Straße, fegte über sie hinweg und verschwand im hohen Gras, und dabei wäre er beinahe von einer Kutsche erfasst worden, die bis oben hin mit allerlei Koffern und Gerätschaften beladen war und mit klappernden Rädern über die Straße fuhr. Der Hund stemmte beide Vorderpfoten in den Boden, rutschte weiter und wäre beinahe unter die Hufe der Pferde geraten, doch konnte er noch bremsen. Seine Pfoten waren heiß und nass und Speichel tropfte von seiner aus dem Maul hängenden Zunge. Er hechelte und keuchte. Seine Beute war fort. Die Kutsche war fast an ihm vorbeigefahren, aber er bellte sie an, aufgebracht und am Ende seiner Kräfte. Ein Mann schaute vom Kutschbock aus nach hinten, sah den Hund und warf ein dickes Stück Holz nach ihm. Dann drehte sich der Mann wieder nach vorn. Er war schmal und gebeugt, trug einen dunkelgrünen Mantel mit weißer Borte und einen ebenso dunkelgrünen, schmalen Hut. Jetzt griff er wieder mit beiden Händen nach den Zügeln und sackte zusammen, so dass sein Kopf zwischen den Schultern hing.

„Dummer Köter“, sagte er mürrisch.

„War das wirklich nötig?“, fragte ein Mann, der neben ihm auf dem Kutschbock saß. Er war genauso gekleidet wie der andere, aber er hatte seine Mütze abgenommen, und man konnte sein schlecht frisiertes und unordentlich geschnittenes Haar sehen. Außerdem hatte er sein Gewand vom Hals abwärts bis zur Brust geöffnet, so dass man eine schwere Goldkette sehen konnte, an der ein ebenso goldenes Medaillon hing, rund und mit einer deutlich erkennbaren rotgoldenen Flamme in der Mitte. Der Mann mit dem Medaillon lehnte lässig an der Armlehne seitlich des Kutschbocks und hatte die Beine weit ausgestreckt. „Hast du nicht gesehen, wie abgemagert die arme Töle war? Er stand ja kurz vor dem Hungertod.“

Der andere Mann wandte weder den Blick noch antwortete er. Seine Schultern schienen nur noch tiefer zu sinken, ebenso seine Augenlider. Er stieß einen ärgerlichen Seufzer aus, vermischt mit einem Stöhnen, und starrte unverwandt vor sich hin.

Der andere Mann schien das zu bemerken, denn er wechselte das Thema.

„Weißt du, Tarradus, ich finde, es war genau die richtige Entscheidung, dass die Forschergilde uns beide“, er machte eine Pause und fuhr dann fort, „uns beide für diese Forschung ausgewählt hat. Ich denke, sie zeigen damit deutlich, dass sie uns beide respektieren.“

Tarradus runzelte die Stirn. Konnte es noch schlimmer werden? Seit sie von Segoin aufgebrochen waren, ging das nun schon so. Wurde Lerro denn nicht müde? Wie konnte er nur immer wieder auf dieses Thema zurückkommen? Tarradus fragte sich, wie er so leichtsinnig gewesen sein konnte, sich überhaupt auf diese Reise einzulassen. Aber ihm, immerhin ihm, ging es um die Sache, so war es, für ihn stand die Forschung an erster Stelle. Und so ein Preis sagte gar nichts. Er wusste, dass er das Gebiet besser kannte als Lerro. Und es war ihm immer noch ein Rätsel, wie die Hohen der Forschergilde das nicht hatten sehen können.

„Im Grunde“, fuhr Lerro fort, „hätten sie dir den Preis auch geben können. Der Unterschied in der Qualität unserer Forschung war so gering, dass es eigentlich egal gewesen wäre, wenn nicht ich, sondern du den Preis bekommen hättest.“ Er schwieg einen Moment, und Tarradus dachte, dass Lerro vielleicht wirklich zu diesem Schluss gekommen war. Aber dann fuhr Lerro fort: „Natürlich andererseits, wenn sie zu dem Schluss kommen, dass es tatsächlich auf diesen einen kleinen Unterschied ankommt, den ich persönlich gar nicht so hoch einschätzen würde, dann ist es natürlich völlig egal, was unsere Forschung sonst noch ausmacht.“ Wie beiläufig strich er mit diesen Worten über sein Medaillon. „Für mich warst du immer der große Denker von uns beiden“, fuhr Lerro fort, „und ich war selbst völlig überrascht, dass ich am Ende den Preis bekommen habe.“

Tarradus schloss die Augen. Er würde es nicht aushalten, nicht die ganze Reise lang, vor allem nicht, wenn sie erst ihren Forschungsanker erreicht hatten und sich der Forschung widmen würden. Er würde sich keinen Augenblick konzentrieren können. Nicht bei diesem penetranten Gerede. Nicht … Es rumpelte und Tarradus öffnete schnell wieder die Augen. Er hatte die Kutsche bedenklich nah an den Straßenrand gelenkt.

„Wenn du willst, dass ich mal die Kutsche lenke, musst du nur Bescheid sagen. Ich löse dich dann sofort ab. Denn weißt du, auch wenn ich diesen Preis bekommen habe, ändert sich für mich nichts. Wenn es nach mir geht, teilen wir uns weiterhin alle Aufgaben. Ich weiß, dass es nach so einer Preisverleihung normal ist, dass die Preisträger anfangen, sich etwas auf den Preis einzubilden, aber bei mir wird das nicht der Fall sein, das verspreche ich dir.“

„Schon gut“, antwortete Tarradus. Er würde Lerro bestimmt nicht die Kutsche fahren lassen. Und selbst wenn er es täte, würde Lerro in kürzester Zeit etwas einfallen, weshalb sie die Rollen wieder tauschen müssten. Lerro schien es zu genügen, nur davon zu reden, dass er die Kutsche fahren könnte. Das schien schon zu reichen, um ihm das Gefühl zu geben, genug getan zu haben. Wahrscheinlich, dachte Tarradus, genügte es ihm, dass er gesagt hatte, er sei bereit, die Kutsche zu fahren, dass er das Gefühl hatte, sie hätten sich nun gleichberechtigt um das Lenken der Kutsche gekümmert.

„Wenn wir zurück sind, wird es natürlich nicht mehr so einfach sein, denn schließlich warten jetzt ganz andere Aufgaben auf mich. Aber solange wir unterwegs sind, möchte ich, dass du weißt, dass du für mich immer der größte Forscher sein wirst, den es gibt.“ Er nickte zufrieden. „Preis hin oder her.“

Für einen kurzen Moment verspürte Tarradus den Impuls, Lerro von der Kutsche zu stoßen und einfach weiterzufahren. Der Gedanke brachte ihn zum Lächeln.

„Ich wusste, dass ich dich damit aufheitern kann“, sagte Lerro und nickte Tarradus bestätigend zu. Das kurze Vergnügen, das Tarradus empfunden hatte, verflog augenblicklich und er versank wieder in mürrisches Schweigen.

Gemeinsam waren sie auf dem Weg zum Forschungsanker, der in der Verwelkten Weite errichtet worden war. Forschungsanker waren von der Segoiner Forschergilde im Laufe der Zeit an allen möglichen Orten des Südreiches errichtet worden, um die Umgebung beobachten und erforschen zu können. Manchmal waren es nur kleine Behausungen, zum Beispiel in der Nähe einer Vogelklippe, manchmal waren es aber auch fast befestigte Türmchen, zum Beispiel wenn das, was erforscht werden sollte, gefährlich war. So hieß es, dass der Anker am äußersten südlichen Rand des großen Waldes ein befestigtes Baumhaus war, das vor den Gefahren des Waldes schützte. Aber über den großen Wald wusste Tarradus nichts und auch nicht über die Forschungsstation, die es dort gab. Sein Interesse galt den Tieren und Pflanzen des Südreiches und eben auch: der Verwelkten Weite.

Der Anker, zu dem sie unterwegs waren, lag mitten in der Verwelkten Weite. Die Verwelkte Weite war ein Gebiet, das das Südreich vom Freien Reich trennte. Der Name passte zu dem, was dort war: eine weite Ebene, in der nichts, oder besser gesagt, fast nichts mehr lebte. Nur eine einzige lange Straße durchquerte sie und diese wurde selten und ungern benutzt. Nur wenige Händler, die ihre Waren ins Freie Reich und vielleicht sogar bis nach Ijaria bringen wollten, machten sich auf den Weg, und er war lang, beschwerlich und nicht ungefährlich. Manch einer, der sich auf den Weg machte, kehrte nicht zurück, wobei schwer zu sagen war, ob er einfach nicht aus dem Freien Reich zurückkehrte oder ob er es nicht erreichte. Jedenfalls wurde gelegentlich berichtet, dass entlang der Kahlen Linie, wie der lange Weg durch die Verwelkte Weite genannt wurde, alte Karren standen oder andere Hinweise darauf, dass hier eine Reise ein vorzeitiges Ende gefunden hatte. Aber auch diejenigen, die tatsächlich den ganzen Weg hin und zurück zurückgelegt hatten, wollten die Reise kein zweites Mal antreten. Es gab nur wenige Führer, die den Weg mehrmals gegangen waren und die Gefahren der Verwelkten Weite kannten, und man sprach in einer Weise von ihnen, die ihnen nicht zum Vorteil gereichte. Über sie sagte man, dass sie von dem Schlag waren, die Tarradus als üble Burschen bezeichnete. So übel, dass sie sich von dem, was in der Weite geschah, nicht beeindrucken ließen. Aber was dort geschah, das wusste niemand so genau.

Tarradus aber hatte etwas herausgefunden. Er hatte alte Karten des Südreiches studiert und dabei war ihm aufgefallen, dass die Weite nicht schon immer auf den Karten verzeichnet war. Zwar hatte er dazu auf sehr alte Karten zurückgreifen müssen, so alt, dass sie kaum noch lesbar waren, aber sie hatten in ihm eine Ahnung geweckt, der nachzugehen sich lohnte. In späteren Karten fand er seine Entdeckung bestätigt: Die Verwelkte Weite war nicht einfach immer so gewesen, wie sie jetzt war. Sie war gewachsen. Ein Kribbeln, wie er es manchmal bei wichtigen Entdeckungen hatte, war über ihn gelaufen und er ahnte, dass es hier mehr zu entdecken gab. Wie es die gute Ordnung der Segoiner Forschergilde verlangte, sprach er zuerst mit einem anderen Forscher über seine Entdeckung und seine Wahl fiel auf Lerro. Nicht, weil er Lerro für einen guten Forscher hielt, sondern weil er wusste, dass Lerro auch ungewöhnlichen Ideen nicht abgeneigt war. Das war nicht immer gut, aber in diesem Fall war er vielleicht genau der Richtige, so hatte er zumindest gedacht. Lerro hatte seine Recherchen nachvollzogen und ihm zugestimmt. Dann hatte Tarradus alles gut sortiert und zusammen mit Lerro den Hohen der Forschergilde vorgelegt. Die hatten sich alles interessiert angehört und Tarradus hatte alle ihre Fragen beantwortet. Aber auf die Frage, was die Ödnis verursacht hatte und warum sie gewachsen war, hatte Tarradus keine Antwort gehabt. Dafür aber Lerro, der unvermittelt einen Gedanken geäußert hatte, ohne Tarradus davor in Kenntnis zu setzen: Lerro vermutete als Ursache der Ödnis einen reißenden unterirdischen Strom, der so gewaltig war, dass er alles Leben mit sich gerissen hatte. Lerro hatte als Grund für die Gewalt des Stromes angegeben, dass dieser in einen Schlund führe, der in die Tiefen der Welt hinabstürze. Tarradus hielt das für ausgemachten Unsinn, aber die Hohen der Forschergilde hatten aus einem für ihn nicht nachvollziehbaren Grund ausgerechnet diesem Teil größte Bedeutung beigemessen. So ein Blödsinn, dachte Tarradus, vermutlich hatten sie Lerros Schilderungen einfach nur aufregend gefunden. Der Schlund in die Tiefen der Welt, es schüttelte ihn, wenn er solchen Unsinn zu hören bekam. Aber: Lerro hatte eine goldene Forscherwürde erhalten und sie beide bekamen den Auftrag, den Forschungsanker der Verwelkten Weite aufzusuchen und zu erkunden, ob sich dort Hinweise auf den reißenden unterirdischen Strom finden ließen.

Doch Tarradus interessierte sich für etwas ganz anderes als diesen unterirdischen Strom und den Schlund. Auf einer der Karten, auf denen die Verwelkte Weite noch nicht eingezeichnet war, hatte er noch etwas gesehen: eine Fläche, groß im Verhältnis zur Karte, und darunter einen Namen, den er kaum entziffern konnte. Vielleicht begann er mit einem L. Tarradus ahnte, dass hier wohl eine Stadt eingezeichnet gewesen war. Und nicht irgendeine Stadt, der Größe der Zeichnung nach zu urteilen, musste sie einst sehr groß gewesen sein, mindestens so groß wie Segoin, mindestens. Aber sie schien bisher völlig unbekannt oder in Vergessenheit geraten zu sein. Weder hatte er in den Büchern und Folianten noch im Großen Almanach der Weltenkunde eine weitere Erwähnung einer Stadt an diesem Ort finden können. Das musste nichts heißen, denn selbst ein Werk wie der Große Almanach der Weltenkunde war nicht völlig fehlerfrei, wie er an den zahlreichen Bemerkungen, Notizen und Abschabungen am Text hatte sehen können. Vielleicht würde eine genauere Forschung in den Ortschaften des Grenzgebietes weitere Informationen hervorbringen. Jedenfalls ließ ihn der Gedanke an diese Stadt nicht mehr los, denn die Vorstellung, dass dort irgendwo möglicherweise riesenhafte Ruinen aus vergangenen Zeiten lagen, hatte ihn tief in seiner Forscherseele angerührt.

Wenn sie den Anker erst einmal erreicht hatten, wollte er nicht nach dem Fluss suchen, den Lerro vermutete, sondern nach der Stadt, oder zumindest nach ihren Überresten. Und wenn er mit dieser Information nach Hause käme … Er warf Lerro einen Blick zu und betrachtete kurz das Medaillon an seiner Brust. Nun, sie würden sehen, wer dann einen Preis verdiente.

Tatsächlich waren weder er noch Lerro bisher jemals in der Verwelkten Weite gewesen. Tarradus hatte Berichte gelesen, Augenzeugen befragt, Karten studiert. Jetzt, wo sie näher kamen, war er aufgeregt. Wie würde sie wohl aussehen? Er hatte nicht alle Beschreibungen verstanden. Es hieß, dass es kaum noch Leben gab, aber wie sah das aus? Bevor sie in die Verwelkte Weite vordrangen, würden sie das Gasthaus am Beginn der Kahlen Linie aufsuchen, das Gasthaus „Zum letzten Krug“. Hier wollten sie ihre Vorräte auffüllen, sich ein Bild von der Weite machen und dann am nächsten Tag vor Anker gehen, wie es in der Forschergilde genannt wurde. Der Forschungsanker in der Verwelkten Weite sollte ein Turm sein, mit zwei Stockwerken und etwas Komfort. Aber es war lange her, dass jemand den Turm betreten hatte und man wusste nicht, ob er sich noch in dem Zustand befand, in dem er vor Jahren gewesen war.

Neben ihm räkelte sich Lerro.

„Ich mache ein Schläfchen“, sagte er, verschränkte die Arme, ließ den Kopf auf die Brust sinken und setzte sich seinen Hut auf, sodass er seine Augen bedeckte. „Weck mich, wenn wir am Krug sind.“

„Mach’ ich“, sagte Tarradus. So sieht das also aus, wenn ich dich jederzeit fragen kann, ob du den Wagen lenkst, dachte er, aber im Grunde war er froh, dass Lerro nun für eine Weile still sein würde. So hatte er Zeit, weiter seinen Gedanken nachzuhängen.

Tarradus fragte sich, ob der alte Wegweiser zum Turm noch existieren würde. Er hoffte es, denn ansonsten würde er schwer zu finden sein. Es hieß, dass in der Verwelkten Weite alles mit der Zeit Schaden nahm oder einfach verweht wurde von Staub und überdeckt von zerbrochenen und verfallenden Ästen. Eine viel frühere Expedition hatte herausgefunden, dass es kaum etwas gab, was diesem Verfall standhielt, außer: Muscheln. Muscheln gab es dort natürlich nicht, aber das Perlmutt der Muschel schien eine Resistenz gegen den Verfall zu besitzen. Tarradus dachte voll Hochachtung an die früheren Forscher. Sie hatten derlei noch herausgefunden. Sie waren vor Ort gewesen, hatten sich den Widrigkeiten gestellt. Er selbst lernte fast alles nur aus Büchern, und in der Segoiner Forschungsgilde war er damit nicht der Einzige. Tatsächlich waren viele der Forschungsanker verlassen und das Forschen bestand in vielerlei Hinsicht aus Nachdenken und dem Sichten der alten Berichte. Die frühen Forscher hatten noch allerlei ausprobiert oder hatten durch das Glück der Tüchtigen Geheimnisse enthüllen können. So auch die Entdeckung, dass die Verwelkte Weite Muscheln nichts anhaben konnte. Es war reiner Zufall gewesen, aber Lirinollo, der große Forscher aus früherer Zeit, hatte dort einen Muschelanhänger verloren, den er als eine Art Glücksbringer bei sich trug. Er hatte ihn verloren und Jahre später wiedergefunden, unverändert, unbeschadet. Tarradus kribbelte es im Nacken bei der Vorstellung, wie Lirinollo nach Jahren seinen alten Talisman wiederentdeckt hatte. Welch ein aufmerksamer Blick! Was für ein Forscher!

Als Folge der Entdeckung hatte man die Kahle Linie mit einer Straßenmarkierung aus Muscheln angelegt, so dass die Straße immer erkennbar blieb. Auch den Turm des Ankers hatte man mit Muscheln abgedeckt, auch wenn es keine schlüssigen Berichte gab, ob die Muscheln auch eine schützende Wirkung hatten auf das, was unter ihnen lag, oder eben nur selbst keinen Schaden nahmen. Tarradus aber wollte nichts unversucht lassen und in die Fußstapfen der alten Forscher treten. Die früheren Expeditionen hatten oft abgebrochen werden müssen, weil es in der Verwelkten Weite schwer auszuhalten war. Tarradus fragte sich, ob es etwas gab, was anhaltend das Leben aus der Verwelkten Weite sog und ob dies der Grund war, warum es sich dort nicht aushalten ließ. Um dieser Wirkung zu trotzen, hatte er Vorbereitungen getroffen: Er hatte zwei Muschelanzüge, wie er sie nannte, mitgebracht, für sich und für Lerro. Die Muschelanzüge hatte er selbst entworfen und zusammen mit Darinia, einer geschickten Schneiderin, angefertigt. Er war sich nicht sicher, wie der größte Effekt zu erzielen war (wenn denn überhaupt einer zu erzielen war), und deswegen hatte er sowohl Muschelsplitter in zahlreiche Polster in den Anzug einnähen als auch außen ganze Muscheln annähen lassen. Dieser Teil war besonders schwierig gewesen, denn die Muscheln konnten zerbrechen, wenn die kleinen Löcher an ihren Rand hineingestochen wurden, durch welche dann der Faden gezogen wurde. Auch war der Muschelanzug dadurch recht schwer geworden, aber er war trotzdem stolz darauf.

Langsam ging weit im Westen die Sonne unter und Tarradus sah den Schatten der Kutsche vor sich auf dem Weg länger und länger werden. Bald, so rechnete Tarradus, würden sie das Gasthaus „Zum letzten Krug“ erreichen. Neben ihm schnarchte Lerro. Sie fuhren noch eine Weile weiter, als Tarradus bemerkte, dass sich etwas veränderte. Zuerst kaum wahrnehmbar, doch dann spürte er es immer deutlicher. Die Luft schien trockener zu werden und sie schmeckte auch anders. Es war auch stiller geworden, als es für diese Zeit eigentlich angemessen war. Irritiert richtete er sich aus seiner gekrümmten Haltung auf und blickte angestrengt nach vorn. Vor ihnen, noch ein gutes Stück entfernt, war etwas. Es sah aus wie die Umrisse eines kleinen Waldes. Noch etwas veränderte sich. Der Klang der Hufe wurde dumpfer, auch das Rattern der Räder wurde leiser, fast gedämpft. Er blickte von der Kutsche hinunter und sah, dass sich die Beschaffenheit der Straße verändert hatte. Sie war die ganze Zeit fest gewesen, teilweise sogar gepflastert, aber jetzt war sie kaum noch zu erkennen und der Boden schien eher lose zu sein. Er drehte sich zu Lerro um, der immer noch schlief. Bis wir das Wäldchen erreichen, lasse ich ihn noch schlafen, dachte Tarradus. Wenn er Lerro jetzt weckte, würde der alles herunterspielen und sich über ihn lustig machen, und das wollte er nicht. Er musste sich jetzt konzentrieren, denn er hatte das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.

Dann erreichten sie den Wald und jetzt wusste er, dass es Zeit war, Lerro zu wecken, und er war sich sicher, dass Lerro sich nicht über ihn lustig machen würde. Der Wald vor ihnen war öde und heruntergekommen. Die Bäume waren dunkel oder sogar schwarz und an vielen Stellen abgebrochen. Manchmal reckten sich noch Äste in den Himmel, manchmal stand nur noch ein kahler Stumpf da, ein mageres Echo dessen, was einmal ein Baum gewesen war. Wo die Straße weiterging, war zwischen den Bäumen eine Schneise, aber als Straße war sie nur noch durch die Abwesenheit von allem anderen zu erkennen. Sie hatten die Verwelkte Weite erreicht. Aber viel zu früh, wie Tarradus dachte, und: Es gab auch keine Herberge.

„Sind wir da?“, fragte Lerro neben ihm, der seinen Hut zurückzog, sich aufrichtete und sich die Augen rieb.

„Nun“, begann Tarradus, „wir sind am Rande der Weite angekommen. Aber es gibt kein Gasthaus.“

Lerro streckte sich. „Kein Gasthaus? Dann irrst du dich. Wir sind noch nicht da, wo du denkst.“

Tarradus seufzte und deutete vor sich.

„Was zum …“, begann Lerro, beugte sich vor und rieb sich die Augen. Er warf einen kurzen Blick zu Tarradus, dann stiegen sie beide seitlich vom Kutschbock und gingen ein paar Schritte auf das Wäldchen zu. Ihre Schritte waren dumpf und es fühlte sich seltsam an, über den kargen Boden zu gehen. Auch Lerro blickte verwirrt auf seine Stiefel.

„Unglaublich“, sagte er, ging ein paar Schritte am Rand des Wäldchens entlang und blieb dann stehen.

„Tarradus, schau!“

Tarradus folgte Lerro und als er ihn erreicht hatte, deutete der zwischen den Bäumen hindurch.

„Ich glaube, da ist unser Gasthaus.“

Tarradus folgte Lerros Fingerzeig und jetzt sah er es auch. Nicht weit von der Straße entfernt konnte er ein Haus erkennen. Aber es war alles andere als ein einladendes Gasthaus. Vielmehr wirkte es völlig verlassen und schon lange dem Verfall preisgegeben. Seine Mauern standen schief und das Dach schien eingefallen zu sein.

„Sollen wir es uns ansehen?“, fragte Lerro. Tarradus nickte und drehte sich um, um zum Wagen zurückzukehren.

„Wo willst du hin?“, fragte Lerro erstaunt.

„Ich hole die Muschelanzüge“, antwortete Tarradus.

„Ach was“, sagte Lerro und machte sich auf den Weg durch das verfallene Wäldchen in Richtung Gasthaus.

Tarradus warf ihm einen missbilligenden Blick zu, dann stapfte er zu ihrem Wagen zurück und begann in den gestapelten Koffern und Kisten zu wühlen, bis er die beiden Säcke mit den Muschelanzügen gefunden hatte. Etwas unbeholfen zog er die Anzüge heraus. Für einen Moment fühlte er sich beobachtet und blickte prüfend in alle Richtungen. Dann begann er, den Muschelanzug anzulegen. Hose und Wams waren zusammengenäht und er hatte das seltsame Gefühl, seinen Schlafanzug anzuziehen. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Dann zog er die Muschelmütze über, die nur einen Teil des Gesichts um die Augen freiließ, und schließlich nahm er zwei mit Muscheln benähte Handschuhe. Er wollte gerade gehen, als Lerro hinter ihm auftauchte. Lerro hatte die Augenbrauen zusammengezogen und sah erschöpft aus.

„Wie war das noch mal mit dem Anzug?“, fragte er mit belegter Stimme.

Tarradus reichte ihm den verbliebenen Sack. Es war gar nicht so einfach, sich in dem Anzug zu bewegen. Die Muschelpolster und auch die aufgenähten Muscheln knirschten bei jeder Bewegung und sie machten ihn unflexibel. Während Lerro noch unbeholfen in den Anzug schlüpfte, der ihm etwas zu klein zu sein schien, warf Tarradus einen Blick zum Himmel und in Richtung der untergehenden Sonne. Bald würde es dunkel werden. Lerro folgte seinem Blick.

„Lampen?“, fragte er, während auch er sich die Muschelmütze aufsetzte.

„Lampen“, sagte Tarradus, ging mit unbeholfenen Schritten um den Wagen herum und hakte auf beiden Seiten die Lampen aus, die am Kutschbock hingen. Es waren nicht irgendwelche Lampen, sondern es waren zwei Forschergilde-Sturmlaternen. Die Forschergilde-Sturmlaternen waren im ganzen Südreich berühmt, zumindest in den Forscherkreisen. Durch geschickt angebrachte Spiegel im Inneren waren sie sehr hell. In ihnen wurde ein spezielles Ölgemisch verbrannt, das viel länger hielt als gewöhnliches Öl, und die Lampen hatten den Ruf, niemals auszugehen, weder bei Regen noch bei Sturm. Es gab sogar Berichte, dass sie unter Wasser weiter brannten. Letzteres hielt Tarradus zwar für ausgemachten Unsinn, aber dennoch verspürte er einen gewissen Stolz, als er sie vom Haken nahm, beide Lampen anzündete und eine an Lerro weiterreichte. Jede Lampe brannte mit zwei Flammen und beide Flammen konnten getrennt reguliert werden. Das Licht wiederum wurde durch eine Linse an der Vorderseite so gebündelt, dass aus jeder der Laternen ein heller, klarer Lichtstrahl nach vorne strahlte.

Sie setzten sich in Bewegung. Langsamer als zuvor, denn die Anzüge waren schwer und unflexibel. Dennoch erfüllte Tarradus ein Hochgefühl. Die Suche begann. Unvermittelt, anders als geplant, aber ohne Zweifel waren sie dabei, in die Fußstapfen der alten Forscher zu treten.

„Über die Straße?“, fragte er an Lerro gewandt, seine Stimme durch die Muschelmütze gedämpft. Lerro schien eine Weile zu brauchen, um die Laute in einen sinnvollen Satz zu fassen, dann nickte er. Sie ließen die Kutsche mit den Pferden hinter sich, folgten der Straße oder vielmehr dem, was von ihr noch übrig war, und betraten das Wäldchen, das nun fast völlig im Dunkeln lag. Aber ihre Sturmlaternen gaben viel Licht und es war kein Problem, dem Pfad durch die Bäume zu folgen. Es dauerte nicht lange, bis sie eine kleine Weggabelung erreichten, die nach links in den menschenleeren Wald führte.

„Schau!“, rief Lerro und deutete auf einen Pfahl, der von oben bis unten mit Muscheln bedeckt war. „Hier beginnt die Kahle Linie!“ Tarradus nickte und blickte die Weggabelung hinunter, an deren Ende das ehemalige Gasthaus lag. Er hob seine Sturmlaterne und begann, den Weg hinunterzugehen. Lerro folgte ihm.

Tarradus fühlte sich nicht wohl. Er schwitzte stark in dem Anzug und die Muschelmütze erschwerte ihm das Atmen. Er war angespannt, denn es war schon fast dunkel. Ohne das Licht der Lampen wäre kaum noch etwas zu sehen gewesen. Seitlich des Weges ragten abgestorbene Bäume in den Himmel, aber nichts regte sich. Kein Windhauch, kein Tier. Nur feiner Staub tanzte durch die Luft und waberte durch den Schein ihrer Laternen.

Sie erreichten das Gasthaus. Wie ein dunkler Schatten hob es sich jetzt vom Wald ab. Ein altes Schild hing an nur noch einer Kette an einem Pfahl, die andere war aus dem Holz gerissen und das Schild hing ohne jede Bewegung mit einer Ecke nach unten. Tarradus trat näher und leuchtete. Neben ihm atmete Lerro hörbar auf. Das Holz des Schildes war morsch, aber man konnte noch lesen, was darauf stand: „Zum letzten Krug.“ Tarradus warf Lerro einen besorgten Blick zu, dann gingen sie weiter in den Hof vor dem Gasthaus. Hier standen eine Pferdetränke und ein Anbindepfosten und vor dem Anbindepfosten lag etwas. Wieder sahen sie sich an, dann gingen sie mit langsamen Schritten auf den Anbindepfosten zu und was sie sahen, ließ ihnen für einen Moment den Atem stocken. Vor dem Anbindepfosten lagen zwei Pferde, oder vielmehr das, was von ihnen übrig geblieben war. Im Schein der beiden Lampen wirkten sie seltsam deformiert, als hätte etwas an ihnen gezogen, nicht von irgendeiner Seite, sondern von innen, wie Tarradus mit einem Schaudern dachte. Sie hatten wohl schon eine ganze Weile hier gelegen, denn der Staub, der durch die Luft tanzte, hatte sich in ihrem Fell festgesetzt. Eine Weile starrten sie die Kadaver an, dann winkte Lerro in Richtung der Wirtshaustür. Tarradus nickte. Die Wirtshaustür hing lose in den Angeln und schwang fast geräuschlos auf. Dahinter betraten sie den Schankraum. Die Kegel ihrer Sturmlampen tanzten über zerbrochenes Mobiliar und Glas. Ein Kronleuchter war von der Decke gestürzt und lag schief in der Mitte des Raumes.

Tarradus Atem ging schwer. Er hatte eine böse Vorahnung, seit sie die toten Pferde gesehen hatten. Denn Pferde, so dachte er, hatten Reiter. Lerro trat ein paar Schritte vor und im Lichtkegel von Tarradus’ Lampe huschte sein Schatten durch den Raum. Auch Tarradus ging weiter. Er blickte auf einen Tisch, dessen Holz gesplittert war.

„Hier“, sagte Lerro laut und sein Lichtstrahl fiel auf einen am Boden liegenden Körper. Die Kleidung bestand nur noch aus staubigen Lumpen. Tarradus machte einen Schritt auf Lerro zu, doch sein Lichtstrahl fiel auf eine Treppe, die aus dem Schankraum in die obere Etage führte. Auch dort lag etwas und Tarradus folgte dem Strahl seiner Lampe.

Am Fuße der Treppe befanden sich drei Gestalten. Eine war groß und trug ein Gewand, die beiden anderen waren kleiner. Sie hielten die größere Gestalt an den Händen, aber auch diese drei wirkten wie leergesogen. Sie lagen auf ihren Gesichtern und die Füße der größten Gestalt lagen noch auf der untersten Treppenstufe. In Tarradus entstand ein Bild, wie die drei die Treppe hinuntergingen. Wieso waren sie hierher gekommen? Wollten sie von hier aus den gefährlichen Weg auf sich nehmen? Oder waren sie vielleicht sogar aus dem Freien Reich hergekommen? Vielleicht wollten sie auch jemanden treffen, der den Weg auf sich genommen hatte, und sie wollten ihn zur Heimkehr begrüßen. Aber was es auch gewesen sein mochte: Etwas anderes war passiert, genau in dem Moment, als die Kinder ihren Fuß in den Schankraum gesetzt hatten. Aber was, darauf konnte er sich keinen Reim machen. Sein Herz schlug schwer in seiner Brust. Mühsam kämpfte er gegen die Panik an, die in ihm aufstieg, dann drehte er sich zu Lerro um, der ein paar Schritte in seine Richtung gegangen war und nun ebenfalls auf den Boden am Fuß der Treppe leuchtete. Einen Moment lang standen sie schweigend da, nicht einmal ihr Licht bewegte sich. Dann, ohne ein Wort zu sagen, drehten sie sich um und verließen das Gasthaus. Draußen war es jetzt stockfinster. Der Himmel war klar gewesen und der Mond und die Sterne hätten ein wenig Licht spenden müssen, aber als Tarradus nach oben blickte, erschienen sie ihm blass und weit weg, viel weiter, als er sie je in seinem Leben gesehen hatte. Tarradus fror, aber es war eine unheilvolle Kälte, denn gleichzeitig war ihm heiß und er schwitzte immer stärker in seinem Anzug. Plötzlich wollte er nur noch weg von hier. Vielleicht lag es an der Dunkelheit, sagte er sich. Aber die Dunkelheit war nichts, wovor man sich fürchten musste. Sie selbst war nicht gefährlich, das hatte schon seine Mutter früher zu ihm gesagt, als er noch ein Kind war. Nur das war eine Gefahr, das die Dunkelheit ausnutzte, ein jagendes Tier wie ein Wolf oder ein Dunkelbär. Mit diesem Gedanken hatte er sich eigentlich beruhigen wollen, aber es war ihm nicht gelungen, überhaupt nicht. Nervös spähte er durch die toten Äste, die das Wirtshaus umgaben, aber es regte sich nichts. Als er wieder nach vorne blickte, sah er, dass Lerro schon einige Schritte vorausgegangen war, und er beeilte sich, ihn einzuholen.

Sie erreichten wieder den Anfang der Kahlen Linie, von wo aus sie sich nach rechts wandten, um zu ihrer Kutsche zurückzukehren. Tarradus fühlte sich beobachtet und warf einen Blick über die Schulter. Da sah er ihn.

Etwas weiter die Kahle Linie hinunter stand jemand. Ein Mann vielleicht, aber größer, mit viel zu langen Beinen und Armen und einem viel zu großen Kopf. Auf dem Kopf saß ein zylinderförmiger Hut und er trug eine Art Mantel, der ihm bis zu den Knien reichte. Tarradus blieb wie angewurzelt stehen. Er hob die Lampe und der Strahl seiner Forschergilden-Sturmlaterne zerteilte die Dunkelheit und fiel erst auf die Brust des Mannes, aber Tarradus konnte nicht anders, er kippte die Lampe ein Stück, sodass der Lichtkegel auf das Gesicht des Mannes fiel. Neben ihm stieß Lerro, der ebenfalls stehengeblieben war, einen unterdrückten Schrei aus und ließ seine Sturmlaterne fallen. Ohne zu erlöschen, drehte sie sich und ihr Strahl leuchtete schräg in den toten Wald hinein. Tarradus wandte sich Lerro zu.

„Lauf“, sagte er, und dann begann er zu rennen, so schnell es sein Muschelanzug zuließ. Aber das war nicht sehr schnell und er fühlte sich, als würde er versuchen, durch einen Sumpf zu stapfen. Neben ihm schien Lerro übermenschliche Kräfte zu entwickeln, denn er überholte Tarradus, und dann sah Tarradus ihn vor sich im Kegel seiner Laterne laufen. Er richtete seinen Blick auf Lerro und rannte ihm hinterher, so gut er konnte. Die Grenze, dachte er, sie mussten die Grenze zur Verwelkten Weite erreichen. Es war nicht mehr weit und bald sah er am Ende des Weges die Sterne leuchten, sah die Umrisse der Kutsche. Etwas brach unter seinen Füßen, vielleicht ein Ast, und er strauchelte, stolperte, fiel fast hin, fing sich wieder und rannte weiter, immer hinter Lerro her, bis sie die Grenze überquert hatten und dann noch ein kleines Stück, bis sie die Kutsche erreichten. Dort angekommen begannen die Pferde unruhig mit den Hufen zu scharren und die Köpfe zu schütteln. Keuchend blieben sie stehen. Tarradus spürte, dass seine Beine bald nachgeben würden, und er klammerte sich an den Wagen. Neben ihm kletterte Lerro mit ungewohnter Leichtigkeit auf den Kutschbock. Mit zitternden Händen hängte Tarradus seine Lampe an den Haken an der Seite der Kutsche. Lerro reichte ihm die Hand.

„Steig auf“, sagte er und Tarradus ergriff seine Hand und ließ sich von Lerro hinauf auf den Kutschbock ziehen. Lerro griff nach den Zügeln und begann, die Kutsche zu wenden.

„Das …“, begann Tarradus, „das …“

Doch Lerro schüttelte den Kopf.

„Wir reden später. Erst einmal weg von hier!“ Er warf einen letzten Blick in Richtung der Schneise im Wald und lachte nervös. Das Licht der Forschergilden-Sturmlaterne strahlte noch immer durch den Wald in den Himmel. „Die gehen wirklich nie aus“, sagte er.

Tarradus nickte. Doch gerade als Lerro die Kutsche wendete und einen letzten Blick in Richtung Wald warf, sah er es. Der Kegel der Lampe zuckte kurz hin und her, dann war sie aus und das tote Wäldchen am Anfang der Verwelkten Weite lag in völliger Dunkelheit. Tarradus fröstelte. War das das Forscherleben der früheren Forscher gewesen? Es wunderte ihn nicht, dass die meisten sich am liebsten in ihren Büchern vergruben. Und auch er wünschte sich jetzt nichts sehnlicher, als in der Bibliothek der Forschergilde zu sitzen und in einem alten Buch zu lesen. Aber jetzt war er hier und je weiter die Verwelkte Weite hinter ihnen lag, desto mehr löste sich das Chaos in seinen Gedanken auf. Er hatte recht gehabt, sie hatten den unwiderlegbaren Beweis. Die Verwelkte Weite wuchs. Und sicher nicht wegen eines Untergrundstroms. Und sie war gefährlich. Wenn sie sich weiter ausbreitete, würde auch das Land, das sie jetzt durchquerten, verschlungen werden. Und etwas lebte in der Verwelkten Weite und Tarradus hatte nicht den Eindruck, dass es etwas Freundliches war. Sie mussten etwas tun. Sie mussten einen Schutzbereich errichten, den niemand betreten durfte, und am Rand zur Verwelkten Weite vielleicht einen Wall oder so etwas, vielleicht einen Muschelwall. Die Straße, die ins Freie Reich und nach Ijaria führte, musste gesperrt werden. Er runzelte die Stirn. Es gab viel zu tun. Dann, ganz unvermittelt, sah er ihn: Am Rand der Straße stand er, der Hund, den er auf ihrem Hinweg noch mit einem Holzstück beworfen hatte. Im fahlen Licht des Mondes und im hin- und herschwankenden Licht der Sturmlaternen leuchteten seine Augen kurz auf. Ganz still stand er jetzt und Tarradus hatte den Eindruck, er würde ihn mit seinen Blicken durchbohren. Er zuckte zusammen und wich unwillkürlich näher an Lerro heran.

„Heyjaa!“, rief dieser neben ihm und ließ die Zügel schnalzen. Die Straße war hier wieder fest und die Kutsche, die aus dem Blick der Vögel bloß ein kleiner Punkt war, der sich von Osten nach Westen bewegte, sauste mit klappernden Rädern durch die Nacht.

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