Die Schatten erheben sich

16. März 2025

Der erste Band der Fantasy-Saga um den Untergang Ijarias: Hier gibt es den Prolog und das erste Kapitel als Leseprobe!

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IJARIA

Das Herz des Freien Reiches: mächtig, wohlhabend, unbezwingbar. Hinter den hohen Mauern Ijarias pulsiert das Leben. Doch während die Türme und Paläste der Stadt im Licht erstrahlen, zieht sich eine langsam wachsende Bedrohung zusammen.

Im rauen Norden flieht Elno vor seinem gewalttätigen Vater und lässt seine Schwester Nela zurück. Wird er sie jemals wiedersehen? Seine Flucht nach vorn führt ihn in die geheimnisvolle Welt der Drachenreiter. Vinja erreicht mit ihren Eltern das majestätische Ijaria. Doch was wie ein Neuanfang aussieht, wird bald zum Gefängnis der elterlichen Erwartungen. Kann sie sich befreien und ihren eigenen Weg finden? Jorian, ein unscheinbarer Schreiber, erhält einen rätselhaften Auftrag von einem Zauberer des Königs. Welche dunklen Absichten verbergen sich dahinter?

Während sich in und um Ijaria die Schatten erheben, verweben sich die Schicksale von Elno, Vinja und Jorian unaufhaltsam. Können sie den Untergang aufhalten oder wird die Hauptstadt des Freien Reiches fallen?

Die Schatten erheben sich – der Auftakt zu einer epischen Fantasy-Saga voller Magie, Drachen, Intrigen und dem Kampf um das Schicksal einer Welt.

Leseprobe

Prolog

Der Mond war lange schon untergegangen. Wolken hingen tief am Himmel und verdeckten die Sterne. Doch selbst in der tiefen Dunkelheit zeichnete sich etwas ab: Schwarz und gezackt durchzog es den Boden, ein Graben oder eine Schlucht vielleicht, an deren Rand sich hoch die Klippen auftürmten. Dort, wo sich wie ein Schlund das Ende des Grabens öffnete, stieg Rauch auf. Mit ihm kam ein Geruch, bitter und süß zugleich, und es war, als wollte sich das dürre Gras, das auf den Klippen wuchs, vor ihm in die Erde zurückziehen. Etwas lag dort unten.

Am Rand der Klippe stand aufrecht und hochgewachsen eine Frau, in einen dunklen Mantel gehüllt, die Hand gestützt auf einen Gehstock. Einen Moment schaute sie in die Tiefen des Grabens, unbeeindruckt von dem aufsteigenden Rauch. Dann hob sie den Blick und sah in die Ferne.

Es war unmöglich zu sagen, ob sie alt oder jung war. Ihr Haar war silbrig-grau und fiel über Schultern und Mantel. Sie wirkte müde und erschöpft, als käme sie von langer Reise. Ein kalter Wind kam auf, blies ihr durch die Kleider und wehte den aufsteigenden Rauch auseinander. Ein grimmiger Ausdruck trat in ihr Gesicht, entschlossen und ernst.

Mit einem Mal näherte sich ein schnelles Trampeln und mit ihm begann der Boden zu vibrieren, als bebte er unter dem Donnern von Hufen. Doch es kam kein Pferd, sondern ein dunkles Etwas, das nicht weit von der Frau entfernt zum Stehen kam. Seine Augen waren kaum auszumachen, nur zwei dunkelgrüne Punkte glommen durch die Dunkelheit, und es schnaubte vor Anstrengung. Von seinem Rücken schwang sich behände eine zweite Frau. Sie trug eine Rüstung aus dunklem Leder, und ihre Haare waren zu einem langen Zopf gebunden. Schnell trat sie neben die Frau an der Klippe und schaute in den Abgrund. Sie schnalzte mit der Zunge und wandte sich dann der Frau mit den grauen Haaren zu, die jetzt wieder müde und alt aussah.

»Ich habe einen weiteren zur Strecke gebracht. Einer aber ist nach Westen entkommen«, sagte sie, ihre Stimme schnell und eindringlich.

Die andere nickte. »Und einer nach Osten.«

Überrascht zog die Frau mit den dunklen Haaren eine Augenbraue hoch und wandte dann ihren Blick gen Osten. »Was will er dort?«, fragte sie.

Ein Funkeln glitt über die Augen der Frau mit den grauen Haaren, als sie die andere zum ersten Mal direkt ansah. »Nun, das werde ich wohl herausfinden müssen.«

Die Frau mit den dunklen Haaren nickte. »Dann nehme ich die Verfolgung nach Westen auf.« Es sah aus, als wollte sie sich direkt auf den Weg machen, aber sie hielt inne und sah sich um. »Wo ist …«, begann sie, doch die andere schnitt ihr das Wort ab.

»Ich habe ihn bereits zurück in die Stadt geschickt.« Ihre Stimme, die zuvor ruhig gewesen war, klang nun angespannt und ernster als zuvor. »Er wird nach dem Jungen sehen.«

Die andere schwieg, dann nickte sie und straffte sich.

»Erledigen wir das, so schnell es geht.«

Die alte Frau schüttelte den Kopf.

»Schnell?« Sie sah der anderen in die Augen und ihr Blick war ernst. »Schnell wird das nicht gehen. Das hier war nur ein kleiner Vorbote von dem, was kommen wird.« Sie sah hinauf zum Himmel und dann hinab in den Graben vor sich. »Eine neue Dunkelheit zieht auf.« Einen Moment schwieg sie, bevor sie weitersprach, ihre Stimme leise, aber fest: »Und die alten Kräfte schwinden.«

Die Frau mit den dunklen Haaren schnaubte und schaute erneut in den Graben hinab, bevor sie sich wieder der Alten zuwandte. »Sieht so aus, als hättet ihr noch einige Kräfte in euch übrig.«

Die Alte lächelte jetzt, und mit dem Lächeln kam der jugendliche Ausdruck zurück in ihr Gesicht.

»Vielleicht ein paar wenige«, antwortete sie. »Aber der kommende Kampf wird nicht mehr der meine sein. Neue Helden werden kommen.«

Die andere betrachtete die Alte eine Weile schweigend. Sie setzte an, um etwas zu sagen, aber sie blieb stumm. Stattdessen machte sie ein paar Schritte zu ihrem seltsamen Reittier und schwang sich in einer flüssigen Bewegung hinauf in den Sattel.

»Wenn es stimmt, was ihr sagt, dann kommen sie besser schnell«, sagte sie ernst. »Passt auf euch auf!« Mit diesen Worten gab sie ihrem Reittier die Sporen. Das Biest warf mit einem seltsamen Geräusch seinen Kopf zurück, und mit rasantem Tempo verschwand es in der Dunkelheit.

Die Alte sah ihnen nach. »Alles braucht seine Zeit«, sagte sie leise, »alles braucht seine Zeit.« Dann wandte sie sich um und machte sich leichten Schrittes auf den Weg Richtung Osten.

Kapitel 1

Elno

Das Wasser im Holzfass war kalt und still. In ihm spiegelte sich dunkel der wolkenlose Abendhimmel. Ein Vogel krächzte in der Ferne und sein Schrei hallte einsam und traurig über den Acker.

Das Wasser im Fass begann sich zu kräuseln. Kleine, durch Erschütterungen ausgelöste Wellen liefen zum Rand des Fasses und von dort wieder zurück in die Mitte. Mit der Ruhe war es vorbei. In das Stampfen schwerer Stiefel mischten sich unterdrückte Klagelaute.

Plötzlich spiegelte sich im Wasser das schmutzige Gesicht eines Jungen von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren. Er hatte zotteliges, schwarzes Haar. Seine Augen waren weit aufgerissen und der Mund war zum Schrei geöffnet.

»Nicht!«, rief er, dann durchbrach sein Gesicht klatschend die Wasseroberfläche. Blasen stiegen auf. Links und rechts spritzte Wasser über den Rand, als der Junge mit ruckartigen Bewegungen versuchte freizukommen. Doch eine Hand hielt ihn an den Haaren, drückte ihn hinunter und ließ ihn nicht los.

Die Hand gehörte einem Mann. Der Mann war groß und breit und auch sein Gesicht war schmutzig. Sein Haar war schwarz. Er hatte dicke Augenbrauen und einen ungepflegten Bart. Die Augen hatte er zusammengekniffen und seine Lippen aufeinander gepresst.

Er war stark, denn während die Bewegungen des Jungen immer heftiger wurden und er alles versuchte, um sich aus dem Griff des Mannes zu befreien, blieb dieser fast unbewegt, außer wenn er den Kopf des Jungen noch tiefer ins Wasser drückte.

Ruckartig riss der Mann den Kopf des Jungen nach oben. Der Junge spuckte Wasser, hustete und schnappte nach Luft. Erfolglos versuchte er, den Griff des Mannes um seine Haare zu lösen.

Grob drehte der Mann den Jungen zu sich um. In seinem Blick lagen Zorn und Hass.

»Wo ist er?«, brüllte er den Jungen an, während er ihn hin und her schüttelte. Der Junge holte Luft, um eine Antwort zu geben, doch bevor er dazu kam, drückte der Mann den Kopf des Jungen erneut unter Wasser.

Als er ihn abermals nach oben zog, spuckte der Junge mehr Wasser als zuvor. Der Mann zerrte ihn auf die Beine. Als er jetzt sprach, war seine Stimme fast ruhig und er betonte jedes Wort.

»Wo ist mein Wein?«

»Ich weiß es nicht!«, krächzte der Junge. Immer noch versuchte er, sich aus dem Griff des Mannes zu befreien.

»Ach, nein?« Der Mann presste die Hand, mit der er die Haare des Jungen festhielt, so stark zusammen, dass seine Köchel hervortraten. Er zog den Jungen auf die Zehenspitzen.

»Mehr fällt dir nicht dazu ein? Du hast ihn ganz sicher nicht selbst getrunken? Dann bist du wohl noch genauso durstig wie ich.«

Er lockerte seinen Griff und ließ den Jungen wieder zurück auf die Füße. Der Junge gab einen erschöpften Seufzer von sich und löste den Griff um den Arm des Mannes.

Darauf schien dieser nur gewartet zu haben. Erneut riss er den Jungen zurück zum Fass und drückte ihn in das Wasser, riss ihn wieder heraus, drückte ihn wieder hinein.

»Dir wird schon noch einfallen, wo mein Wein hingekommen ist!«, brüllte der Mann.

»Hier, hier! Er ist hier!«

Das war die Stimme eines Mädchens. Ruckartig drehte der Mann den Kopf. Ein letztes Mal stieß er den Jungen ins Wasser, dann ließ er ihn los. Der Junge verlor das Gleichgewicht. Verzweifelt versuchte er, sich am Fass festzuhalten.

Als der Mann das sah, lachte er und versetzte dem Fass einen kräftigen Tritt. Es neigte sich gefährlich zur Seite. Ein zweites Mal trat der Mann gegen das Fass. Einen Moment verweilte es träge in der Schwebe, dann kippte es. Der Junge schrie, als das Fass beinahe auf ihn stürzte, zusammen mit ihm auf den Boden aufschlug und sich Wasser über ihn ergoss. Wimmernd blieb er liegen.

Der Mann wandte sich wieder zu dem Mädchen. Es war etwas kleiner als der Junge. Ihr Haar war dreckig, doch zwischen dem Schmutz sah man, dass es blond war. Das Mädchen zitterte. In den Händen hielt es einen verschlossenen Krug, den es dem Mann entgegenstreckte.

Der Mann packte das Mädchen im Gesicht und drückte die Wangen zusammen.

»Wo hast du das her?«, fragte er.

Seine schmierigen Finger hinterließen schmutzige Streifen auf ihrem Gesicht.

»Es stand auf dem Regal, es stand im Schatten, man konnte es nicht sehen, es stand auf dem Regal!«, sprudelte es aus dem Mädchen hervor. Ihre Stimme war hoch und zittrig.

Mit der freien Hand nahm der Mann den Krug, mit der anderen stieß er das Mädchen unsanft zur Seite. Dann wandte er sich zu der Hütte, aus der das Mädchen gekommen war, und ging hinein. Mit einem Krachen schlug er die Tür hinter sich zu.

Das Mädchen holte zitternd Luft. Dann lief es zu dem Jungen hinüber, der zusammengekrümmt auf dem Boden lag. Er weinte und hustete.

Das Mädchen blieb neben ihm stehen. Sie sah zum Wasserfass und dann zur Hütte. Nervös verlagerte sie das Gewicht von einem Bein auf das andere.

»Elno?«, fragte sie. »Kannst du aufstehen? Wir müssen das Fass hinstellen, kannst du aufstehen?«

Elno sah zur Hütte hinüber. Dann wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht und erhob sich.

Unter großer Anstrengung richteten sie das Fass wieder auf. Als sie es geschafft hatten, lehnte sich Elno keuchend an die Hütte und sackte erschöpft an der hölzernen Wand hinunter. Das Mädchen, das sich bereits wieder der Tür zugewandt hatte, drehte sich um.

»Kommst du nicht mit rein?«, fragte sie nervös.

»Ich schlafe draußen«, krächzte Elno.

Das Mädchen blickte ihn an und nach einer Weile nickte es. Mit langsamen Schritten ging sie zur Tür, öffnete sie und ging hinein.

Vinja

Die Sonne war gerade erst aufgegangen, aber schon jetzt war sie warm und kündete von der kommenden Mittagshitze. Besonders heiß wurde es in der südlichen Ebene. Hier wuchs fast nichts außer dürrem Gras und vereinzelten, knotigen Bäumen. Das einzige Zeichen menschlicher Existenz in dieser Gegend waren die zahlreichen Wege, die sich quer durch die Ödnis zogen und alle auf eine einzige, breite und ausgetretene Straße zuführten, die wie ein langes und schnurgerades Band von Süden nach Norden verlief.

Über diese Straßen bewegte sich langsam und behäbig eine Reihe von Menschen, die Tiere, Vieh und Wägen mit sich führten. Seit der Morgen vorüber war, brannte ihnen die Sonne im Nacken.

Nicht nur die Hitze machte sie langsam. Viele von ihnen führten ihre gesamten Habseligkeiten mit sich. Auf den Wagen stapelten sich Koffer, Taschen, Truhen und Säcke.

Die meisten Männer und Frauen schwiegen. Nur ein pausbäckiger Mann bildete eine Ausnahme. Er lief in einer kleinen Gruppe neben einem Karren, der noch voller beladen war als die anderen. Neben den Koffern und Truhen stapelten sich Gerätschaften, Kessel und Rohre.

Dem Mann lief der Schweiß den Nacken hinunter, wo er einen dunklen Fleck auf seinem Hemd hinterließ. Trotz allem schien ihm die Hitze nichts anzuhaben. Während seine Begleiter schweigend neben ihm herliefen, redete er ohne Unterlass.

Die zwei Frauen und der Mann neben ihm hörten ihm zu. Im Gegensatz zu ihm hatte jeder von ihnen noch ein Bündel aus Habseligkeiten auf dem Rücken und sie schnauften unter der schweren Last.

»Der obere Westmarkt ist etwas kleiner als der untere Westmarkt, so viel ist sicher«, erläuterte der pausbäckige Mann. »Aber das Verrückte ist«, er machte eine Pause und warf seinen Begleitern einen Blick aus leuchtenden Augen zu, »das Verrückte ist, dass es überhaupt einen oberen und unteren Westmarkt gibt! Und nicht nur das, es gibt auch zwei Ostmärkte und je einen Nord- und Südmarkt. Vom zentralen Markt ganz zu schweigen, könnt ihr euch das vorstellen? Jeder einzelne Markt ist größer als alle Märkte, die ihr je in eurem Leben gesehen habt, und der Zentralmarkt gleicht einer eigenen kleinen Stadt!«

»Das glaube ich dir einfach nicht!«, sagte eine der Frauen. Sie war dick und hatte von den Dreien das größte Bündel zu tragen. Trotz allem lief sie nahezu aufrecht. »Ein Markt so groß wie eine Stadt! Wie welche Stadt möchte ich mal wissen. Vielleicht meinst du ja Himstadt?«

Die anderen lachten.

»Nein, nein, nicht wie Himstadt«, antwortete der pausbäckige Mann verärgert. »Ich meine eher wie Dalmerstedt.«

Die Frau schnaubte.

»Wie Dalmerstedt? Das glaube ich erst, wenn ich es gesehen habe.«

»Nun, das wirst du ja bald«, antwortete der Mann, »aber mach dich auf etwas gefasst! Ich sage dir eins …« Er machte eine Pause, um Luft zu holen.

»Wer Ijaria noch nicht gesehen hat, der hat noch gar keine Stadt gesehen!«

Den letzten Satz sagte er nicht allein. Vom hinteren Teil des Wagens wurden die Worte von einer leisen Stimme aufgegriffen und mitgesprochen. Über das Geratter des Wagens war sie kaum zu hören und sie klang viel weniger begeistert als die Stimme des pausbäckigen Mannes. Viel eher klang sie missmutig, schlecht gelaunt, und sie gehörte einem Mädchen, das auf der hinteren Ladefläche des Karrens saß. Jetzt sprang sie ab und ließ den Wagen ein Stück vorfahren, bis die Gruppe vor dem Karren außer Hörweite war. Dann reihte sie sich ein in den Tross aus Wagen und Leuten.

Das Mädchen war klein. Tatsächlich war sie schon 16 Jahre alt, aber die meisten, die sie anschauten, hielten sie für jünger. Sie hatte auffällig wache und konzentrierte Augen, die jetzt unter zusammengezogenen Brauen dem Karren hinterherschauten. Ihr Haar war lang und braun und fiel ihr lose über die Schultern.

»Vinja!«

Das Mädchen drehte sich um und schaute zu einer alten Frau hinüber. Das Gesicht der Frau war faltig und ihre Lippen spröde. Als sie sprach, kam ihr Atem gepresst.

»Wärst du so gut und würdest mir mein Bündel abnehmen, nur für eine Weile?«

»Selbstverständlich«, antwortete Vinja. Die alte Frau blieb stehen und setzte unter großer Anstrengung ihren Rucksack ab. Einen Moment lang stand sie schwer atmend da, dann löste sie mit zittrigen Fingern einen Wasserschlauch vom Rucksack und trank daraus. Als sie fertig war, lächelte sie das Mädchen an.

»Das ist eigentlich keine Reise für eine alte Frau, nicht wahr?«

Vinja zuckte mit den Schultern, denn sie wollte die alte Frau nicht verletzen.

»Wieso fährst du nicht hinten auf unserem Wagen mit?«, fragte sie. »Ich laufe sowieso lieber.«

Die alte Frau machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Ich glaube nicht, dass deine Eltern das gutheißen würden.«

Vinja wollte widersprechen, doch dann nickte sie.

»Gut möglich!«

Mit einer schwungvollen Bewegung warf sie sich den Rucksack der alten Frau auf den Rücken.

»Dann werde ich dich eben so entlasten.«

Die alte Frau dankte Vinja, dann setzten sie ihren Weg gemeinsam fort.

Jorian

In einem einzigen, riesigen Schwarm flogen die Stare über die Stadt. Es waren Hunderte, Tausende und nochmal Tausende. Zusammen ergaben sie eine Wolke aus Federn, Krallen und Schnäbeln, die sich in immer neuen Formen mal hierhin, mal dorthin bewegte. Trotz ihrer großen Zahl gab es nie Verwirrung über Richtung und Ziel. Sie flogen hinunter zum breiten Fluss, der sich quer durch die Stadt zog, dann stiegen sie wieder hinauf, hoch zum königlichen Palast, der majestätisch über der Stadt thronte.

Hier, entgegen der Perfektion, mit welcher sich die Stare aneinander orientierten, gab es mit einem Mal ein Durcheinander. Ein kleiner Vogel geriet durch einen überraschenden Wirbel aus der Bahn, wurde gegen einen großen, älteren Vogel geworfen und stürzte dann hinab, trudelte flatternd Richtung Boden. Erst hier bekam er sich wieder unter Kontrolle.

Sofort wollte er wieder hinauf, doch er hatte die Orientierung verloren. Flatternd verfing er sich im Geäst einer Weide, die in einem kleinen, von einer Mauer umgebenen Garten stand.

Im Schatten der Mauer lag ein Hund und schlief. Als der kleine Vogel den Hund entdeckte, geriet er erneut in das Geäst des Baumes. Er brach seitlich aus, versuchte in einem Fenster zu landen, verfehlte es und schaffte es dann knapp auf der steinernen Bank eines zweiten Fensters.

Das Fenster gehörte zu einem Haus, das an den Garten anschloss. Auch die zweite Landung wäre beinahe misslungen und der Vogel gab ein erschöpftes und aufgeregtes Zwitschern von sich, bevor er in das Zimmer hineinspähte. Das Zimmer war groß, sogar sehr groß. Links und rechts standen Regale, die bis zur Decke reichten und bis oben mit Büchern vollgestellt waren. In der Nähe der Fenster stand ein Tisch mit allerlei Papier, Tintenfässchen und Federhaltern.

Am Tisch saß ein junger Mann, groß, hager und mit zerzausten dunklen Haaren. Als der kleine Vogel sein aufgekratztes, fast panisches Zwitschern von sich gab, blickte er auf und sah den Vogel an. Schnell schaute der Vogel beiseite und sah, dass im Raum ein weiterer Mann stand, breiter und älter als der andere. Er trug einen schmalen Hut, unter welchem kaum noch Haare hervorkamen, hatte ein gerötetes Gesicht und starrte schweigend an die Decke des Zimmers, einen Finger nachdenklich auf die Lippen gelegt.

Der Vogel schaute zurück zu dem Jungen und sah, dass der ihn immer noch mit fragendem Blick beobachtete. Das war zu viel der Aufmerksamkeit. Mit einem weiteren aufgebrachten Zwitschern drehte der Vogel sich um, warf sich zurück in die Luft und machte sich auf, um zu seinem Schwarm zurückzukehren.

Der Junge starrte dem Vogel noch eine Weile hinterher, doch der plötzliche Klang einer Stimme ließ ihn zusammenzucken.

»Ich hab’s!«, rief der andere Mann. »Jetzt weiß ich es, schreib …«, er machte eine Pause, in welcher er mit erhobenen Händen erstarrte, »schreib: Meine allerwerteste und verehrte Mirulla, in Demut wende ich mich an Euch, wohl wissend, dass ich Eure kostbare Zeit nur flüchtig …«

Er unterbrach sich, erstarrte erneut und begann dann mit den Armen zu wedeln.

»Nein!«, rief er und warf dem Jungen einen besorgten Blick zu, »schreib das nicht, hast du das schon geschrieben? Wenn ja, dann brauchen wir einen neuen Bogen Papier, das klingt ja fürchterlich. Viel zu förmlich, viel zu unterwürfig. Ich muss noch einmal überlegen.«

Der junge Mann, der noch nichts geschrieben, ja nicht einmal die Feder in eines der Tintenfässchen getunkt hatte, nickte und stieß einen leisen Seufzer aus.

Der andere Mann begann im Zimmer auf- und abzulaufen, wobei er vor sich hinmurmelte. Hin und wieder blieb er stehen und sagte »Schreib!«, bevor er dann mit einem »Nein, nein, schreib noch nichts« wieder begann, im Zimmer seine Kreise zu drehen.

Der Junge wartete geduldig. Nur manchmal warf er einen nervösen Blick zum Fenster oder zur Tür, als fiele ihm etwas ein, das er vergessen hatte.

»So wird das nichts«, sagte der Mann plötzlich mit weinerlicher Stimme, »mir fehlen einfach die Worte, ich weiß einfach nicht, wie ich es ihr sagen soll.«

Der Junge nickte dem Mann verständnisvoll zu, ohne jedoch etwas zu sagen. Nach kurzer Überlegung schien dieser einen Entschluss gefasst zu haben.

»Ich …«, begann er, als hätte er sich daran gewöhnt, seine Gedanken erst hören zu müssen, um ihre Qualität zu beurteilen, »ich werde … ich werde einen Poeten beauftragen!«

Seine Gesichtszüge entspannten sich und ein hoffnungsvolles Lächeln trat auf sein Gesicht.

»Das ist es! Ich werde einen Poeten beauftragen! Er wird etwas für mich schreiben können!«

Fast schien er einfach gehen zu wollen, als ihm einfiel, dass er nicht alleine war.

»Oh«, sagte er beschämt, »und … tut mir leid, wenn ich deine Zeit verschwendet habe, Borian, ich komme sicher ein anderes Mal auf deine Hilfe zurück. Guten Tag!«

Der Junge nickte wieder.

»Ich heiße Jorian«, sagte er leise.

Der Mann würdigte ihn kaum eines weiteren Blickes.

»Ah, sicher, wie auch immer. Nun, auf Wiedersehen!«

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.

Kaum war der Mann fort, begann Jorian, die Unterlagen auf dem Tisch notdürftig zusammenzuräumen.

Während er das Papier zusammenlegte und die Feder in eine dafür vorgesehene Tasche packte, dachte er über den vorangegangenen Besuch nach. Der Mann war ein Adliger namens Lut Stain. Stain hatte sich verliebt, in eine Mirulla Soundso, aber er traute sich nicht, es ihr offen zu sagen. Stattdessen war er auf die Idee gekommen, ihr einen Brief zu schreiben. Damit kam das nächste Problem. Seine Schrift war über alle Maßen unansehnlich und dauernd änderte er seine Meinung, was genau die richtigen Worte waren, um sich Mirulla anzuvertrauen. Er hatte ein Beispiel seiner vorangegangenen Versuche dabeigehabt und Jorian verstand gut, warum er sich an einen Schreiber gewandt hatte. Aber warum an ihn? Warum kamen diese Leute immer zu ihm? Lag es daran, dass er noch jünger war als seine Kollegen? Glaubten sie, er verstünde nicht, worum es bei ihren Briefchen und geheimen Schreiben ging?

Kopfschüttelnd betrachtete er den Schreibtisch. Er befand sich in einem katastrophalen Zustand und seine Mutter würde alles andere als zufrieden sein. Seine grobe Art, die Sachen zusammenzuräumen, hatte Spuren hinterlassen. Zwei Bögen Papier hatten einen Knick und er hatte Tinte über den Tisch verschmiert. Normalerweise unterliefen ihm solche Fehler nicht, im Gegenteil. Er legte viel Wert auf geordnete Arbeitsmaterialien. Später würde er ordentlicher aufräumen, jetzt aber hatte er anderes im Sinn. Beinahe im Laufschritt verließ er das Haus durch die Hintertür.

*** Ende der Leseprobe ***

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